Achtsam in drei Teile teilen – Selbstorganisation für Fortgeschrittene

Achtsam in drei Teile teilen – Selbstorganisation für Fortgeschrittene

Home Office

Es gibt Menschen mit handgeschriebenen To-Do Lists. Andere nutzen digitale Tools, die durch Blinken, Piepen und Winken, darauf Aufmerksam machen, dass du -wie immer, zu spät dran bist. Ja, und dann gibt´s da noch mich.

Ich organisiere mich recht klassisch, nämlich: Gar nicht. Das funktioniert auch überragend solang du dir, abgesehen von ein paar festen Kursen in den Abendstunden, deine Arbeitszeit gänzlich frei einteilen kannst. Wenn du dann noch zufällig am Strand wohnst, dann organisiert sich der Tag eigentlich wie von selbst. Frühs aufstehen, erste Runde Arbeit, feststellen, dass die Sonne scheint. Bikini an, ab zum Strand. Feststellen, dass die Sonne nicht mehr scheint und zurück an den Schreibtisch. Joggen, Yoga. Schlafen. Ende der Geschichte. 

Nach den ersten zehn Tagen gab es jedoch den ersten Misston in der Harmonie: Mein Remote-Bürojob hatte wieder angefangen und das mit real-existierenden Meetings zu unterschiedlichsten Zeiten. Ok. Aus meiner Achtsamkeits-Reise wurde allmählich eine Selbst-Organisations-Reise. 

Level 1: Etablieren von Routinen mit kleinen Hindernissen

Eine Stunde Zeitverschiebung nach Deutschland beachten, Termine in den Kalender auf dem Handy eintragen, sich vom Handykalender panisch vom Strand scheuchen lassen, wenn eine subtile Nachricht auf dem Display verrät, dass dich dein Chef in dreißig Minuten, vollständig bekleidet, im Teammeeting erwartet, um ein Update über dein Projekt zu bekommen. Welches du zwischen Meditieren und Muscheln zählen unter Umständen etwas vergessen hast.

Um mich mal an höchst erwachsenen Metaphern zu bedienen: Fühlte mich wie bei Mario Kart, nur mit weniger Pilzen. 

Nun war ja der Ursprungsplan meines Projekts „Pursuit of Happiness“, erst nach Indien und dann nach Bali zu gehen und dort noch eine Yoga-Fortbildung zu machen. Für meine Verhältnisse war das Ganze auch erschreckend gut geplant: Flüge gebucht, Ashram ausgewählt, Airbnb gebucht, ja selbst an die Impfungen hatte ich gedacht und sämtliche Moskitoarten rückwärts gelernt! Und, Trommelwirbel: Einen gültigen Reisepass in der Tasche.

Kein Stress nur Strass
Einziger Verkehrsknotenpunkt den ich in der Rush-Hour zu überwinden hatte

Vorzeitiger Boxenstopp: Kleine weltweite Pandemie. Na gut. Dann eben nur Internet-Indien. 

Nachdem sich meine Reisen fast anderthalb Jahre hin und hergeschoben hatten, erreichte mich in Portugal eine Werbemail des besagten Indien-Ashrams, in das ich ja nun auch bereits den oder anderen Euro investiert hatte: Meine Fortbildung ist ab sofort Online möglich. Mit 6 -stündigen Live-Classes pro Tag, 6 Tage die Woche, einen Monat lang. Klang perfekt! Und mit ganz viel Phantasie konnte man sich die Algarve ja auch fast wie Goa vorstellen. Mit ganz ganz viel Phantasie. 

Als höchst organisierter Vorzeige-Erwachsener habe ich den Sonntagabend genutzt und meine Woche vorbereitet. Meetings in Deutschland, Zeitumstellung beachten, check, check, alle Kurse und Coachings im Kalender eingetragen, check, check. Kurz in den Zeitplan aus Indien geschielt und check, che- Moment! Wie meinen die das mit Indian-Local Time? Fünf Minuten Recherche später dann Klarheit. Meine Wahnsinnsidee die Fortbildung online zu machen, hatte einen ganz kleinen Haken: Der erste Kurs startet um 03:30 Uhr Portugalzeit. Halleluja. Höchst unachtsame Uhrzeit. 

Leben am Limit
Ich. Zur unachtsamsten Uhrzeit im Internet Ashram. (Quelle: öffentliche Aufzeichnung Himalayan Yoga Association, 2021)

Level 2: etablieren von Routinen mit großen Hindernissen

Organisation ist das halbe Leben! Indische und Deutsche Uhrzeit an die Wand geheftet, Tag durchstrukturiert und Abfahrt. Statt über den Sinn des Lebens philosophierend am Atlantik zu hocken bestanden die nächsten Wochen daraus, im Apartment vor dem Laptop zu sitzen, mir mitten in der Nacht die Beine zu verbiegen, im Anschluss zu arbeiten und abends meine Kurse zu geben. Das hatte ich mir ganz eindeutig entspannter vorgestellt. Es dauerte eine Weile, bis ich nachts nicht mehr senkrecht im Bett saß, weil mich „loooook at your belly buttoooooon! Squeeeeeeeeeeze your hips!“ nicht mehr bis in die tiefe meiner Träume verfolgte und ich fühlte mich allmählich verdächtig routiniert in meiner Drei-Zeitzonen-Jonglage. 

Level 3: Der Endgegner

Während ich mit Helm und Vollgas über die Rennbahn schlitterte und mich bereits auf der Poleposition wähnte, begann Covid aus dem Hinterhalt Bananen auf den Asphalt zu werfen: Vorzeitiger Reiseabbruch in Portugal und zurück nach Deutschland. Hauptweihnachtszeit und asylsuchend vor den eigenen vier Wänden (mein Zimmer war untervermietet), stand meine neu erworbene Selbstorganisation auf dem Prüfstand. Durch das dichte Gewimmel von noch dichteren Weihnachtsmarkt-Besuchern, einen kleinen Glühwein für die Nerven, mit Yogamatte unterm Arm und Frostbeulen an den Füßen, durch das winterliche Karlsruhe, um mich tageweise bei Freunden einzuquartieren. Das lief in etwa so ab:

„Ja, hi! Ja, ja, genau! Ja, zurück aus Portugal, richtig. Ja-, ja- mir geht´s auch bestens, bisschen kalt hier, aber sonst top. Apropos kalt, könnt ich vielleicht kurz bei dir einziehen? Bräuchte ´ne hervorragende Internetleitung, singe ab 3:30 Uhr lauthals mein Om-Mantra, müsste dein Wohnzimmer leerräumen, um genug Abstand zu meinem Laptop zu haben, damit ich meine Kurse geben kann und wäre super, wenn du kurz noch die Deckenleuchte mit dem Gelbstich wechselst, das lässt mich bei Teams immer so alt aussehen! Ja-, ja-, super, bis gleich!“

 Zehn Tage und drei Sofa-Wechsel später, hatte sich auch hier eine gewisse Routine gebildet. Morgens affenfrüh Yoga, dann schnell die Arbeit abgehakt und abends von Glühwein, über Dominosteine gehangelt. Völlig achtsam. Versteht sich. 

Nach Neujahr sollte es direkt weiter ins nächste Abenteuer gehen. Also für die Zeit in den Bergen, Bikini und Co aus dem Koffer geschmissen, Winterklamotte eingepackt, Schal um, Mütze auf und erneute Abfahrt! Also soweit jedenfalls die Theorie. Doch auch die besten Rennfahrer wissen: Qualmt der Motor, machste besser mal nen Check.

Beachlife
Covid is calling

„Hallo Gesundheitsamt? Ja-,ja-, ja mir geht´s auch bestens. Also fast. Ja genau zwei Striche. Nein, nicht schwanger! Covid! Ja-. Ja-. Doppelt geimpft, geboostert, getestet, gewickelt und verpackt, ja- genau. Trotzdem Positiv. Was macht man da? Ah absondern. Ok, Ok. Und das heißt? Achso nicht auf der Piste meinen Sie? Ah, zwei Wochen daheim, ohne Ausgang ok. Und wenn man grad kein zu Hause hat? Ah. Ja! Guter Hinweis, vielen Dank!“

  „Ja, hallo Untermieter! Ja-. Ja-. Mir geht´s auch bestens. Du pass auf, du bist ja grad in der Heimat. Und die Mutti kocht doch so schön. Könntest das vielleicht die nächsten zwei Wochen mal so beibehalten? Supi, danke! Dann brüte ich hier mal weiter mein kleines Omikron und meld´ mich wenn´s geschlüpft ist!“

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2 Antworten

  1. Bine sagt:

    Ich liebe deine Art Stories zu erzählen!
    Daneben hoffe ich natürlich, du hast Omikron schnell in die Flucht geschlagen und bist wieder topfit 🙂
    Liebe Grüße, Bine

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